Die Tridosha-Theorie im Ayurveda
Was ist Ayurveda?
Ayurveda ( Ayus = Leben / veda = Wissen) ist das Wissen vom Leben. Der Ayurveda gilt als das älteste Gesundheitssystem der Welt und kann als Mutter aller Medizinsysteme betrachtet werden. Anders als das derzeitige westliche Medizinsystem, das sich auf das Kurieren von Krankheiten spezialisiert hat, ist das Wesen des Ayurveda die Gesunderhaltung des Menschen.
Krankheiten sind eine Störung des Dreiklangs der dynamischen Kräfte, die in uns wirken. Denn alles ist im ayurvedischen Denken auf ein Gleichgewicht der Kräfte im menschlichen Körper ausgelegt. Einer der Leitsätze des ayurvedischen Denkens lautet daher:
Bewahre das Gleichgewicht!
Ayurveda ist nicht religiös, auch wenn verschiedene Autoren immer wieder den Versuch unternehmen, dem Medizinsystem ein religiös-hinduistisches Fundament zu geben. Lediglich die Begriffswelt ist den philosophischen Systemen Indiens entliehen, die auch auf das hinduistische und buddhistische Denken eine starken Einfluß ausgeübt haben. Allein die Tatsache, daß der Ayurveda erstmals in der Gelehrtensprache des alten Indiens, Sanskrit, schriftlich dokumentiert wurde, sollte nicht zu dem Schluß führen, daß die Ursprünge des Ayurveda auf die sogenannten arischen Einwanderer 1500 vor Ch. zurückzuführen sind.
Die philosophischen Grundlagen des Ayurveda
Indische philosophische Denker sahen einen engen Zusammenhang zwischen den Kräften, die im Kosmos wirken und den Kräften, die in uns wirken. Galaxien entstehen und vergehen und auch das Leben auf der Erde wird von Geburt und Tod dominiert. In der Samkhya Philosopie wird eine Evolutionstheorie entwickelt, die im Ayurveda eine große Rolle spielt:
Die kontinuierliche Verbindung zwischen den Urkräften des Universums (Purusha, Prakriti) zum Bewußtsein, dem Ich des Menschen. Bereits Caraka, einer der großen Vordenker des Ayurveda schreibt in seinem Werk über Ayurveda:
„Jeder Mensch ist der einmalige Ausdruck eines raumzeitlich und erkenntnismäßig höchst individuell abgestimmten Prozesses des Kosmos.“
Hier manifestiert sich auch der große Unterschied zu den westlichen Medizinsystemen: Jeder Mensch ist in sich etwas Einzigartiges und nicht reproduzierbar.
Jede Materie definiert sich im indisch-philosophischen Denken aus zwei Grundprinzipien: Purusha und Prakriti.
1. Purusha: Purusha ist reines, ruhiges Bewußtsein, ein ewiges Subjekt, nie Objekt, körperlos, unvergänglich und unzerstörbar, auch bei Krankheit. Und eben diese Kraft kann die Selbstheilungskräfte im Körper wieder anregen. In der neueren Forschung spricht man auch vom homöostatischen Regelkreis, der auf die Forschungen des französischen Physiologen Claude Bernard (1813-1878) zurückgeht.
2. Prakriti: Prakriti ist die Ursubstanz, die ewige Kraft. Sie ist eine unmanifestierte und unbewußte Materie. Sie besitzt eine unveränderliche Quantität und kann nur qualitativ umgewandelt werden.
Dem Prakriti sind drei Eigenschaften zugeordnet, die sogenannten Gunas.
a) Sattva Reinheit, Klarheit, Intelligenz, Ursprung des Bewußtseins
b) Rajas Leidenschaft, Aktivität, Energie
c) Tamas Dumpfheit, Dunkelheit, Trägheit
Aus dem Spannungsfeld des geistigen, aber undynamischen Geistprinzip Purusha und dem bewußtlosen, aber dynamischen Materie-Prinzip Prakriti entwickelt sich die Evolution. Der Urzustand von Prakriti wird nur dann aufrecht erhalten, wenn die Spannung der drei Haupteigenschaften in Balance gehalten wird. Die Gunas, auch Trigunas genannt, haben universelle Eigenschaften und können nicht getrennt voneinander gesehen werden. Sie befinden sich in ständiger Kommunikation untereinander. Es sind die Bedingungen der manifesten Welt, die eine dominante Form einer der Gunas hervorrufen.
Durch das Purusha geraten die drei Urqualitäten in ein Kräftespiel, wobei Prakriti auf die verschiedenen Entfaltungsstufen blind ist. Das eigenschafts- und bewegungslose Purusha ist die Ursache für die weisheitsvolle Strukturierung der Materie (Farben, Gestaltung) und damit auch aller Prozesse der Entwicklung – auf anorganischer Ebene vom Elementarteilchen bis zum Spiralnebel. Die Trigunas wiederum wirken auf die Materie ein und schaffen so von der Feinstofflichkeit bis zur Grobstofflichkeit eine zunehmende Verdichtung und Differenzierung. Alles ist einem ständigen Wandel unterworfen, und doch schafft es die Natur, daß das System als Ganzes dem Wandel widersteht. Man betrachte allein den menschlichen Körper:
jeden Tag tauscht er 600 Milliarden Zellen aus und trotzdem erwacht der Mensch am Morgen in der gleichen Gestalt wie am Tag zuvor.
In ihrer physiologischen Form wirken die drei Gunas als lokalisierbare Funktionsprinzipien und heißen dann Vata, Pitta und Kapha.
- Befinden sie sich im Ausgleich, werden sie Tridhatus genannt.
- Besteht ein Ungleichgewicht durch die Dominanz eines der Elemente, heißen sie Tridoshas.
Das Wesen des Ayurveda
Die Basis des Ayurveda bildet demnach die Erkenntnis, dass die Weisheit in jedem und jederman in uns die Weisheit des Kosmos ist. Die selbe Weisheit, die Leben generiert, erhält auch Leben.
Die verschiedenen Ansätze und Behandlungsmethoden des Ayurveda haben im Ursprung das Ziel, das reine und unbesiegbare Potential (Purusha) in uns zu wecken, den Heilungsprozess anzustossen und die Einheit von Körper, Geist und Seele wieder herzustellen.
Der Mensch mit seinen Besonderheiten im Denken, Fühlen und Handeln steht Mittelpunkt des Ayurveda. Es werden alle Aspekte des Individuums berücksichtigt. Krankheit beginnt nach dem Verständnis des Ayurveda mit einer falschen Sichtweise und entwickelt sich über Handlungen, die Ungleichgewicht fördern. Die Störung ist immer ein Anregungs- und Unruhezustand, der beruhigt werden muss.
Die aktive Gestaltung des Lebens, das man man heutzutage auch als Wellness bezeichnet, wird als Schlüssel zur Gesundheit angesehen und kann erst erreicht werden, wenn geistige Erkenntnisse der Zusammenhänge der verschiedenen Einflüsse auf den Menschen gegeben ist.
Für die Erhaltung des Lebens kann ayurvedisches Wissen beim Gesunden eingesetzt werden,
- indem er den Verhaltensregeln für den Gesunden folgt,
- und beim Kranken, indem Sorgfalt bei der Beruhigung der Krankheit aufgebracht wird.
Die Welt des Ayurveda ist auf Gleichgewicht ausgerichtet. Kommt es zu einem Ungleichgewicht, entsteht Krankheit (vikriti). Die Grundlage aller ayurvedischen Theorie besteht also in der Wiederherstellung des Gleichgewichts, das heisst, des Ausgleichs von in Erscheinung tretenden Fehlern (dosha), die geistiger und körperlicher Natur sein können.
Yoga verwendet ähnliche Methoden, den Gleichgewichtszustand wieder herzustellen. Yoga unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt vom Ayurveda:
- Ayurveda strebt ein möglichst langes und gesundes Leben an,
- Yoga strebt nach Befreiung vom relativen Dasein durch Überwindung des Selbsterhaltungstriebes.
Die Doshas – ein zentrales Konzept im Ayurveda
In der indischen Sanskrit Literatur finden sich unterschiedliche Interpretationen der sogenannten Dosha Lehre (Tridosha). Europäische Veröffentlichungen stellen die drei Doshas gerne als „Wind, Galle und Schleim“ dar. Die wörtliche Übersetzung lautet „Fehler“. Wie auch immer, die Doshas spielen eine wichtige Rolle in der Ayurveda –Lehre. Geistesgeschichtlich baut die Doshas-Lehre, wie oben beschrieben, auf zwei Fundamenten auf:
- auf den drei grundlegenden Eigenschaften (gunas) der Urnatur
- und auf den Elementen.
Die Diagnose
Am Anfang jeder medizinischen Behandlung steht eine gründliche Diagnose. Um sie zu finden, stützt sich der ayurvedische Arzt ebenso wie der Schulmediziner zunächst auf zwei Verfahren: - erstens auf die Anamnese, die Erhebung der Krankengeschichte, und - zweitens auf eine gründliche Untersuchung, die auch eine Prüfung der Zunge, der Augen, des Pulses sowie von Stuhl und Urin einschließt.
Welchem Dosha-Typ Sie angehören, kann demnach nur ein erfahrener Ayurveda Arzt feststellen. Vergessen Sie daher ganz schnell irgendwelche Konstitutionstabellen, die im Internet oder in Büchern angeboten werden, um Ihren Typ zu ermitteln.
Die Doshas im Gleichgewicht
Der ayurvedische Arzt bemüht sich, eine Störung im Gleichgewicht innerhalb der Regelsysteme, den so genannten Doshas, aufzuspüren. Mit Hilfe der Pulsdiagnose ertastet der Arzt die Wechselwirkung dieser drei Regelsysteme, genannt Vata, Pitta und Kapha. Da der Organismus ein ganzheitliches System ist, beeinflusst die Störung eines Regelsystems - nach ayurvedischem Verständnis - auch die beiden anderen. Ist das Gleichgewicht gestört, ist der ganze Mensch krank. Folglich muss auch der ganze Mensch behandelt werden - nicht nur ein Symptom. Gerade hier liegt das Problem der westlichen Medizin, die in unzählige Einzeldisziplinen unterteilt ist und das Glied in der Kette, einzelne Diagnosen zusammenzuführen, fehlt.
Der Mensch wird von drei Regelsystemen bestimmt, die in einem dynamischen Gleichgewicht zueinander stehen sollten und die in vielfältiger Art beeinflusst werden können. Darin verbirgt sich auch der Schlüssel für eine ganzheitliche Strategie der Vorsorge und Therapie. Die drei fundamentalen Regelsysteme des Ayurveda nennt man die drei Doshas. Sie heißen Vata, Pitta und Kapha.
Grob eingeteilt wirkt Kapha im oberen Körperbereich. Kapha kontrolliert die Organe und Strukturen oberhalb des Zwerchfells. Vata bezieht sich auf die Organsysteme unterhalb des Nabels, und Pitta wird dem Bereich zwischen Zwerchfell und Nabel zugeordnet. Vata repräsentiert die Bewegung, Pitta das Energieprinzip, Kapha die Struktur.
Vata ist eine Kombination aus Luft und Atmosphäre. Es hält die Dinge im Körper in Bewegung. Pitta ist eine Kombination aus Feuer und Wasser.Es transformiert die äußeren Elemente in innere Elemente - Aktivitäten wie Verdauung und ähnliches werden durch Pitta verursacht. Kapha ist eine Kombination aus Erde und Wasser.
Die Ayurveda Theorie besagt, dass eine Störung des Gleichgewichts der drei Komponenten Krankheiten hervorrufen. Diese Lehre wird auch als Tridosha-Theorie bezeichnet. Die drei Doshas sind dynamischen Prinzipien vergleichbar, also drei Ausformungen energetischer Dynamik, die den gesamten Energiehaushalt in einem lebenden Organismus regeln.
Es ist das Vorkommen dieser Doshas in individueller Kombination, die gewährleistet, dass der Mensch immer als Ganzheit behandelt wird.
Funktionelle Störungen mit ihren oft gravierenden Symptomen, die von psychosomatischen Gleichgewichtsstörungen herrühren, können so wirksam behandelt werden. |