
Vor langer Zeit, etwa 5000 Jahre vor Christus, lebten die Menschen an Berghängen und Flüssen glücklich und zufrieden. Es gab kaum ernstzunehmende Krankheiten. Doch dann entschieden sich einige der Bewohner, Städte zu gründen und sie begannen ein Leben in Wohlstand und Komfort zu leben. Und damit fingen die Wohlstandkrankheiten an. Auch Rishis (Weise) und Ayurveda Ärzte waren betroffen. Und so entschied sich ein heiliger Rat von Weisen und Ärzten, eine grosse Versammlung in den Himalayas abzuhalten, um darüber zu beratschlagen, wie den Menschen geholfen werden kann. Die Ärzte begannen, die Krankheiten der Wohlstandbürger zu studieren und dokumentieren.
Die Geschichte könnte wahr sein, denn tatsächlich entwickelten sich um 3.500 vor Christus die dravidischen Stadtkulturen vom Harappa und Mohenjo Daro, die als kulturelle Brutstätten moderner Zivilisation gelten. Die Indus-Schrift (auch Sarasvati-Schrift) der Harappa-Kultur ist möglicherweise die älteste bekannte Schrift. Sie wurde im antiken Indien verwendet. In ihrer ausgereiften Form läßt sie sich von 2600 bis 1900 v.Chr. zurückverfolgen, die frühen Formen sogar bis 3300 v.Chr. Nach 1900 v.Chr. nahm die Verwendung der Schrift ab und ging etwa im ersten Jahrtausend v.Chr. völlig unter.
Eine allgemein akzeptierte Entzifferung gelang noch nicht. Es ist auch nicht bekannt, ob die Zeichen tatsächlich eine Schrift darstellen oder ob es sich um nicht-sprachliche Symbole handelt. Falls die Schrift rein ideographisch wäre, enthielte sie keinerlei Information über die Sprache derjenigen, die sie benutzten. Wenn die Schrift sprachliche Informationen enthielte, so ist uns doch nichts über die zugrundeliegende Sprache bekannt.
Viele Autoren, die sich mit der Geschichte des Ayurveda beschäftigt haben, stellen eine Verknüpfung zu den Veden, den heiligen Schriften Indiens her, weil hier erstmals in der klassischen Kultursprache Sanskrit Heilpfkanzen dokumentiert wurden. Es ist aber anzunehmen, dass die Ursprünge des Ayurveda viel älter sind und ihre Wurzeln in den dravidischen Stadtkulturen liegen. Um 1.500 vor Christus begannen die sogenannten Arier, den Norden Indiens zu erobern. Ihre Herkunft liegt im dunklen, aber allein die Bezeichnung Arier ( die Edlen) zeugt von einer gewissen Überheblichkeit. Mit moderner Kriegstechnik schafften sie es, den Norden Indiens zu erobern. Die dravidische Urbevölkerung wurde in den Süden Indiens zurückgedrängt. Man kann aber davon ausgehen, daß die Arier nicht nur Kriege führten, sondern sich durchaus das mathematische und medizinische Wissen der dravidischen Gelehrten aneigneten. Und so ist es verständlich, daß auf Grund fehlender historischer Dokumente bei der Geschichte des Ayurveda immer wieder auf die Veden verwiesen wird.
Bereits im ersten Buch der Veden, dem Rigveda, einer Sammlung von 1028 Gesängen, werden in Form von Versen Operationen, Prothesen und 67 Heilpflanzen beschrieben. Der Rigveda entstand etwa 1.500 bis 1.000 vor Christus. Im Atharva Veda werden bereits 290 Heilpflanzen, diverse Therapien und verschiedene Krankheiten dokumentiert.
Eine andere Geschichte erzählt ebenfalls die Ursprünge des Ayurveda. Ein derartiges Wissen, so glaubte man, kann nicht von Menschenhand entstanden sein und so konstruierte man eine mythologische Legende:
    
Brahma, die Ursubstanz allen Seins übergibt das Wissen um Ayurveda an Prajapati, dem Herrn der Geschöpfe. Dieser übergibt es an die Asvins, ayurvedische Ärzte, die das Wissen an Indra, den Götterkönig weiterreichen. Indra überreicht das Wissen an Dhanvantari, dem Arzt der Götter. Dieser braut den Göttern den Trank der Unsterblichkeit und entscheidet damit den Kampf der guten Götter gegen ihre bösen Widersacher. Sushruta, der als Begründer des heutigen Ayurveda gilt, besucht Dhanvantari mit sechs anderen Gelehrten und bittet ihn, ihm das Heilwissen zu übergeben. Dhanvantari gewährt ihm diese Bitte.
Die drei Säulen des Ayurveda
Sechs der begabtesten Schüler verarbeiteten dieses medizinische Wissen und dokumentierten diese im Agnivesha Samhita ( Sammelwerk). Die Sammlung Agnivesha Samhita, nach ihrem Autor Agnivesha genannt, blieb als einzige praktisch vollständig erhalten und bildete später die Grundlage der Caraka Samhita, die als eine der drei Hauptsäulen der Ayurveda-Medizin gilt.
Caraka war ein Arzt, der in der Zeit zwischen 1000 und 700 v. Chr. gelebt hat, und ihm haben wir die großartige Zusammenstellung früher ärztlicher Kunst zu verdanken. In seinem Werk findet man eine systematische Darstellung von Krankheiten und eine detaillierte Diagnostik, mehr als 500 Heilpflanzen - Beschreibungen, inklusive deren Wirkungsprinzipien bei den unterschiedlichsten Indikationen.
Die zweite Hauptsäule im Ayurveda wurde von Sushruta etwa 200 Jahre nach Caraka geschaffen, einem Arzt, der sich aufgrund seiner chirurgischen Kenntnisse besonders auf dem Gebiet der Kriegsverletzungen verdient gemacht hat.
Die Sammlung, die er verfasste, Sushruta Samhita, legte ihr Augenmerk auf die Chirurgie. Er entwickelte 121 Instrumente, beschrieb das Klammern von Wunden mit Frauenhaar, Pferdehaar und Ameisenköpfen. Die Chirurgie darf sich als legitimes Kind der ayurvedischen Medizin bezeichnen. Wir gehen heute davon aus, dass auch Hippokrates, der etwa 200 Jahre nach Sushruta lebte, medizinische Werke anderer Kulturen zumindest in groben Zügen kannte: Die Ähnlichkeit der Drei-Säfte-Lehre des Ayurveda mit der antiken Humorallehre von Schleim, Galle und Blut als wichtige Grundlage für Gesundheit und Krankheit ist offensichtlich. Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. kam es durch unterschiedliche Eroberungszüge der Perser und später durch Alexander den Großen (3. Jh. v. Chr.) zwischen den verschiedenen Kulturen zu einem bedeutsamen Austausch von medizinischem Wissen. Von Alexander dem Großen ist überliefert, dass er seine Ärzte durch indische Spezialisten unterrichten ließ.
Als dritte Hauptsäule im Ayurveda gilt die Astangahrdaya( Herz der acht Glieder) des Arztes Vagbhatas. Er war nach Meinung vieler Autoren der letzte der alten Lehrer, die Sammelwerke zum Ayurveda geschrieben haben. Er lebte im 7. Jahrhundert nach Christus.
Bis zur Eroberung Indiens durch den Islam im 13. Jahrhundert bildete der Ayurveda eine ungebrochene Tradition. Er hatte sich zu einem wissenschaftlichen Medizinsystem von einem für diese Zeit erstaunlich hohen Wissensstand entwickelt. Allerdings begann dann eine lange Phase der Repression durch den Islam und vor allem durch die englischen Kolonialisten. Die britischen Kolonialherrn veranlaßten, daß sämtliche Ayurveda-Schulen geschlossen und durch Universitäten für westliche Medizin ersetzt wurden. Von Familienverbänden wurde Ayurveda aber weiterbetrieben und wichtige Erkenntnisse so in die Neuzeit gerettet. Mit der indischen Unabhängigkeitsbewegung entstand wieder ein Bewusstsein für das eigene kulturelle Erbe und die Ayurveda-Medizin stieg wie Phönix aus der Asche wieder empor. Die Arme-Leute-Medizin avancierte sich zu einer indischen Medizin, auf die man stolz war. 1921 eröffnete Gandhi nach langer Zeit der Aktivitäten im Untergrund wieder eine offizielle Ayurveda-Hochschule.
Man schätzt, dass heutzutage wieder etwa 350 000 Ärzte in Indien Ayurveda praktizieren. Das Studium eines Ayurveda-Arztes dauert 11 Semester bis zum Staatsexamen und erst nach weiteren 3 Jahren klinischer Tätigkeit wird der »Doctor of Ayurveda« verliehen. Seit einigen Jahren erfährt Ayurveda auch in westlichen Breiten zunehmende Wertschätzung, und indische Ayurveda-Experten haben in Zusammenarbeit mit westlichen Therapeuten begonnen, die Quellen des Wissens, wie sie in den klassischen Schriften belegt sind, neu zu beleuchten und die universell gültigen Regeln in unsere westlichen Sprachen zu übersetzen. |